Samstag, 1. September 2012

Chennai, Indien

Dienstag, 28. bis 30. August 2012


Ok. Stellt euch vor, es ist Samstag Nachmittag, Bombenwetter. Hannover Innenstadt. Viele Leute sind unterwegs und am powershoppen. Fast schon ein Gedrängel. Außerdem die Straße am Leineufer (Leibnizufer): ordentlich Verkehr hier. So, und jetzt kommt das Straßenbauamt auf die glorreiche Idee, die Straße zu sperren und den Verkehr einfach durch die Fußgängerzone umzuleiten.
Ungefähr so war die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen nach Chennai rein. Natürlich gab es noch ein irres Dauerhupkonzert dazu und was man so im Dunkel erkennen konnte, sah streckenweise sogar so aus, wie die hannoversche Innenstadt. 1945.


mein Taxi

Ich kam im Stadtviertel Triplicane unter. Es gibt an den großen Straßen zwar Bürgersteige, aber die werden nicht benutzt, da ständig was im Weg ist. Leute, Hunde, Schutt- und Müllhaufen, Stolperfallen aus weggebrochen Wegplatten, eine Kuh. Man latscht also auf der Straße lang. Wenn man sich abschaut, wie die Einheimischen das machen, kann man sich ganz gut über Wasser halten.

maximale Zuladung erreicht


Müll

Ein riesiger Bus rauscht von hinten nur 10 Zentimeter vorbei, und dir bleibt erstmal die Luft weg. Alle paar Meter ein anderer Geruch. Diesel, Pisse, Fettgebäck. Brennendes Plastik, Tiergedärme, Blumen. Ständige Rufe, "Sir! Taxi?" Ein Ehepaar sitzt am Straßenrand und hackt mit großen Messern einen Bambusstamm in schmale Streifen. Ein anderer Mann schiebt diese Streifen durch eine handbetriebene Maschine und quetscht sie platt. Ein kleiner Haufen Kohle knistert lustig vor sich hin, daneben ein aufgeklapptes Bügeleisen wie aus dem 19. Jahrhundert.

Handarbeit

Thema Arbeitssicherheit

oh Mann!

Jemand mahlt Reismehl in großen Maschinen. Keilriemen und Antriebsrad liegen offen und drehen sich in einem Wahnsinnstempo. Ein Mann bedeutet dir, seinen Laden zu betreten. "No buy, just look!" Noch einer, gleiche Geste, gleicher Spruch. Du gehst nicht drauf ein. Ein Schneider mit Schere in der Hand. Ein satter Rülpser brandet an dein Trommelfell. Ein Beil schneidet durch den Smog und saust auf einen Holzblock nieder, darauf eine Ziegenleber, Fliegen bringen sich kurz in Sicherheit. Eine zerknitterte Oma, in wunderschöne Tücher gewickelt, sitzt auf der Straße, isst mit der rechten Hand Reis aus einer Plastikschüssel und spuckt dir gedankenlos direkt vor die Füße.

Fleischer

Bäcker

Blickfang!

Füße... hmm, da war doch was... Du schaust nach unten. Ach ja, der Privatdetektiv! Folge 1: Ben Kato und die jämmerliche Badelatsche. Die breiten Europäerfüße nicht im Fokus der Produzenten, herrscht dummerweise Mangel an passender Fußbehausung. Als Kato endlich fündig wird, weiß er nicht, was er mit den alten Schlappen machen soll. Kein Mülleimer weit und breit! Er hält sie dem Verkäufer mit einem fragenden Blick hin. Der Verkäufer bedeutet ihm, sie einfach auf die Straße zu schmeißen. Kato folgt dem Rat und sein belustigtes Kopfschütteln bricht den Bann! Er schüttelt seinen Ekel ab. Nun kann sich dem Chaos entspannt hingeben!

meine Absteige :)
bei einer Tempelanlage

Am zweiten Tag habe ich zwei Tempelanlagen besichtigt. Ich wollte mir auch mal dieses Tikka auf die Stirn schmieren, aber ich traute mich nicht jemanden anzusprechen. Die sahen alle so entrückt aus, wenn sie aus dem Tempel kamen.


Tempel #1

Tikka auf der Stirn

Tempel #2

Tempel #2


im Tempel

im Tempel

Auf der Straße beim Tempel kam plötzlich sowas wie ein Karnevalsumzugswagen vorbei, Polizei kümmerte sich um den wartenden Verkehr. Die Prozession war begleitet von tanzenden Leuten und handgranatenartigen Böllern. Erst später habe ich erfahren, dass auf dem Wagen ein Toter lag und das der "Trauerzug" war.


Trauerzug

in einem Laden ...

... für religiöse Objekte

Abends noch an den Strand, der gute 200 oder 300 Meter breit ist und voller von Buden steht. Fressbuden, Fressbuden, Fressbuden. Handbetriebene Riesenräder und klapperige Kinderkarussels mit alten Bobbycars und Dreirädern darauf. Berittene Polizei, Boote. Ein trauriger Junge mit einem Affen an der Kette. Jemand wollte, dass ich auf seinem Pferd reite. Ein Mann schob den Sari etwas hoch, hockte sich hin und pisste in den Sand. Auf der Straße alle 50 Meter gertenschlanke, junge Polizistinnen, zu Tode gelangweilt.

Kinderkarussel

ich habe es überlebt

Junge, Affe

am Wasser

Um 19 Uhr gab es diesen gratis Meditationskurs, den ich mal ausprobieren wollte. In einem riesigen, alten Gebäude setzte ich mich mit den anderen Teilnehmern im Schneidersitz hin und wartete auf den Lehrer. Ein Mönch in orangenem Gewand setzte sich ans Mikro und erstmal ging es mit Om-Shanti-Shanti-Gesängen los. Dann eine Litanei, was Meditation ist und wie sie wirkt. Meine Knie knarzten und ich musste mich anders hinsetzen. Dann der Praxisteil - blöderweise habe ich seinen indisches englisch nicht so gut verstanden, also wusste ich nicht, was ich im Praxisteil wirklich tun sollte. Er war ganz ok, dieser Kurs, aber das meiste weiß man ja eh schon. Egal, eine Erfahrung mehr.


Vivakananda - Meditationskurs hier

Danach habe ich mich ins Park Hotel chauffieren lassen. Ein, zwei Bier trinken, vielleicht mit Touris quatschen. Ein Bier kostete mehr als meine Absteige in Triplicane pro Tag und die Touris waren alles reiche, verwöhnte Snobistensprösslinge, mit denen man nix zu tun haben will. Eine Nacht in diesem Hotel kostet ab 11.000 Rupies - das sind 200 Dollar.

Chennai (früher Madras) ist krass, aber sowas muss man mal gesehen haben. Und das kleine bisschen, was ich gesehen habe, war so ziemlich das verrückteste, was mir je untergekommen ist. 4,6 Millionen Einwohner. Was für ein Indieneinstieg! Es ist hier sicherlich in den meisten Großstädten so chaotisch, das werde ich also wohl noch öfter genießen dürfen...